Im Würgegriff des Gebäcks (2004)

Siedermann war wieder in geheimer Mission unterwegs.
Das Hauptquartier hatte ihm den schwersten Auftrag seiner bisherigen Laufbahn gegeben: Die gnadenlose Vernichtung von Weihnachten, dieser winterlichen Geisel der Menschheit. Schon andere Agenten waren daran gescheitert. Von Humbach hatte man nach dem 26. Dezember nie wieder gehört. Uhland war am ersten Weihnachtsfeiertag 1997 ohne Beine und im tiefen Koma bei den Wetzlarer Betonwerken gefunden worden. Und Renner, mit dem Siedermann drei Jahre lang die geheime Agentenausbildung durchlaufen hatte, war nun ein schreiendes Wrack im Keller des Matthias-Beltz-Sanatoriums in Bad Vilbel.

Wie immer hatte Siedermann sich umfassend vorbereitet und perfektes Mimikry betrieben, war in der Menge der Weihnachtswilligen untergetaucht. Seine Tarnung war perfekt – wie immer, wenn er Undercover einen Auftrag ausführte, sei es im Bürgerkrieg im Kosovo, unter General Schwarzkopf im Irak oder im Weihnachtseinkauf auf der Frankfurter Zeil.
Seine Umwelt erlebte ihn nur als weitere Friede-auf-Erden-Drohne: Er hatte Glühwein getrunken, Geschenke gekauft und Gebäck geknabbert. Er hatte seiner Familie, die von seinem Auftrag natürlich nichts wusste (sie dachte immer noch, Siedermann sei Buchhalter bei Wüstenrot) den braven Sohn gegeben. Er hatte der Heilsarmee gespendet. Er hatte eine Tanne im Wohnzimmer aufgebaut. Er lamentierte über das Übel in der Welt, und dass die Menschen sich nicht mehr umeinander kümmerten, und dass es "damals" noch weiße Weihnachten gab und dass heute alles nur noch Konsum sei.

Niemand war auf die Idee gekommen, dass sein mildes Lächeln, das er die vergangenen Tage zur Schau getragen hatte, nur Tarnung gewesen war. Mit allen Sinnen nahm er den Weihnachtstrubel in sich auf und schien darin aufzugehen, doch in den Winkeln seines gestählten Hirns wurden Pläne geschmiedet, wie Weihnachten vernichtet werden konnte. Siedermann war ein Scrooge, der sich nicht so leicht verbiegen ließ; er war der gefallene Weihnachtsengel; er war der Zwischenrufer beim Krippenspiel. Ohropax schützte ihn vor der Gehirnwäsche durch "Driving Home For Christmas", das aus jedem Radio schallte. Abends, nach dem Zuziehen der Vorhänge, versteckte er den Weihnachtsbaum hinter dem Duschvorhang.

Die Weihnachtstage waren eine einzige Schlachtplatte gewesen, eine Zelebrierung der sinnlichen Genüsse, ein nicht enden wollendes Bejahen von allem, das mundete – ein wichtiger Aspekt seiner Tarnung.

Es war nun Montag, der 27. Dezember. Und ihm war übel.
Siedermann musste sich eingestehen, dass er versagt hatte. Die Feiertage waren vorüber und er hatte nichts gegen Weihnachten unternehmen können. Teilnahmslos starrte er (rülpsend) in die hämisch grinsenden Gesichter seiner Familie. Waren sie etwa Agenten der Gegenseite? Marschierten sie im Takt der Weihnachtsgesänge? Hatten sie ihn mit ihren alkoholgetränkten Gebäckmassen überrollt und außer Gefecht gesetzt?
Siedermann kippte hintenüber, doch niemand schien es zur Kenntnis zu nehmen. Das Gebäck hatte die Kontrolle über seinen Körper übernommen. Siedermann hob den Kopf ein Stück und erwartete, ein Lebkuchenmännchen aus seinem Brustkorb schießen zu sehen. Das hämische Lachen der Verwandte dröhnte in seinen Ohren – sie hatten ihn durchschaut. Dann umfing ihn gnädige Dunkelheit, vor der sich Siedermann nur noch fragen konnte, wo und in welchem Zustand er aufwachen würde.

Im unterirdischen Hauptquartier am Nordpol herrschte Bestürzung. Wieder hatte Weihnachten gesiegt. Doch der ewige Kampf würde weitergehen, wenn die weihnachtliche Bedrohung des Gebäcks sich wieder erhob, um die Welt in den Würgegriff zu nehmen.
Dann würde das Hauptquartier einen anderen Agenten mit der Aufgabe betrauen.

(c) 2004