Con-Air schnuppern (1999)

Richtung Dortmund, Samstag, 22.5.99, unchristlich frühe Uhrzeit

Ich habe es mir im Abteil des Interregio bequem gemacht. Draußen kuscheln sich Schafe im Morgennebel aneinander, und die ersten Camper übergeben sich aus ihren Pfingstfest-Zelten. Die mittelhessischen Highlands sind schnell durchquert. In Paderborn steigt eine mitteilungsbedürftige, dürre Studentin zu und fragt mich mit schwäbischem Dialekt aus, wer ich denn bin, wo ich denn herkomme und wohin ich eigentlich will.
"Zu einer Science-Fiction-Tagung", sage ich.
Sofort rückt sie einige Zentimeter weg und mustert mich. "Bischt auch einer von dene, wo jetz so lang vorm Kino warte?"
"Nein, eigentlich ..."
"Machscht so Live-Rollenspiel?"
"Äh, auch nicht ..."
Es fängt an zu regnen, und ich lenke ihre Aufmerksamkeit darauf, bevor sie mich fragt, ob ich mir auch spitze Ohren anklebe.


Nun fahre ich also doch zum Trinity-Con. Erst wollte ich nicht, weil ich kurz nach Pfingsten meine Examensarbeit abgeben muß. Dabei hätte ich Pratchett so gerne mal live gesehen. Vor einigen Wochen erhielt ich dann einen Brief, dem ich entnahm, daß ich Dritter beim Metropolis Award geworden. Da ist die Sache für mich klar: Bargeld hole ich natürlich persönlich ab. Also in Nachtschichten die Examensarbeit fertigschreiben, zum Copyshop gebracht und nix wie los nach Dortmund. Während der Hinfahrt mache ich mir bewußt, daß ich als Gast den Con besuche, nicht als Fan. Ich meine, ich bin Fan, ja, aber in erster Linie bin ich Gast. Ich nehme mir vor, mich wie einer zu verhalten und auch uniformierte Con-Teilnehmer nicht allzu sehr auszulachen.


Das ist also Dortmund. Aber wo ist dieses ominöse Center namens Harenberg. Ich schaue nach rechts. Das meinten also die Leute, die mir sagten: Du wirst es nicht übersehen. Aber vorher schlurfe ich in mein Hotel. Es ist klein und billig, damit vom Preisgeld am Schluß auch was übrigbleibt. Trotzdem wäre ein Zimmer mit natürlichem Lichteinfall schön gewesen. Oder eine Dusche auf dem Stockwerk. Aber egal: Hauptsache die 20 Bücher, die ich von den Autoren signieren lassen will, sind gut verstaut. Ab zum Con.


Man will mich nicht gleich einlassen, weil ich nicht bezahlt habe. Als Gast muß ich nicht zahlen. Das Nicken eines Menschen, der etwas zu melden hat, öffnet mir schließlich die Pforte. Wohin zuerst? Meinen Körper zieht es zur Kaffeequelle, aber ich entscheide mich, erstmal durch den "Dealer's Room" zu schlendern. Es ist noch früh und noch nicht allzuviel los. Als ich die vielen, interessanten Bücher sehe, sage ich mir, daß in meinem Rucksack sicher noch etwas Platz sein muß.


Da entdecke ich auch schon den Stand von Frank Festa (Edition Metzengerstein) und eile freudig in dessen Richtung. Im Vorbeigehen bemerke ich einen schwarzen, breiten Hut. Diesen Hut kenne ich. Tatsächlich: Es ist Terry Pratchett! Ich erstarre fast vor Ehrfurcht, laufe aber mechanisch weiter. Frank Festa, Marcel Feige, Boris Koch und Kai Meyer bieten ihre empfehlens-, lesens- und kaufenswerten Bücher an. Mit einem Auge beobachte ich Terry Pratchett, der gerade eine "Lara Croft in Wet Suit"-Figur begutachtet. Ich setze alles auf eine Karte und schleiche mich mit einem Schweibenwelt-Roman bewaffnet von der Seite an. "Äh ... would you ... please", stottere ich. Pratchett ist nett und zuvorkommend. Er signiert nicht nur, er malt eine Schildkröte ins Buch. Nachdem ich vor seiner Hohheit auf die Knie gefallen bin, eile ich von dannen. Ich möchte seine Konzentration nicht weiter stören. Und die Lara Croft- Figur scheint ihn wirklich zu interessieren.


Michael Marrak, frischgebackener Preisträger des "Deutschen Science Fiction Preises" (und souveräner Viertplazierter beim Metropolis Award - hehe) nutzt den Händedruck gleich aus, um mich zu seinem "Agnostischen Saal 2" zu zerren, den ich auch gleich kaufe, als Marrak droht, Pratchetts Widmung aus meinem Scheibenwelt-Roman zu reißen.


Zeit, sich mit dem Con-Programm zu befassen. Beim "Kaffeeklatsch" mit John Clute ist noch Platz, also trage ich mich gleich ein und zusätzlich bei zwei weiteren "Klatsches" am Sonntag. Also hoch in den 18. Stock. Über den Lift des Centers möchte ich keine Worte verlieren. Nur soviel: Die Veranstaltungen in diesem Stockwerk erfreuten sich bei mir fortan großer Beliebtheit ...


Clute nutzt die Aufmerksamkeit der Leute, um für seine kanadische Heimat zu werben. Seine "Illustrierte Enzyklopädie der SF" (etwa sieben Pfundschwer) fühle ich immer noch in den Schultermuskeln. Er signiert nicht nur, er schreibt einen kleinen Text in das Buch. Leider kann ich kein Wort davon entziffern (wären die gezackten Linien mein Herzrhythmus, müßte ich mir Sorgen machen). Vermutlich ist es ein alter kanadischer Dialekt oder so. Egal.


Meine nächste Veranstaltung ist die Lesung von Michael Szameit und Alexander Kröger. Sie findet, wie fast alle Lesungen, in der Bibliothek statt. Diese ist direkt in der Fußgängerzone und besitzt viele Fenster. Daher schauen viele interessierte Menschen herein, die das Publikum und die beiden Menschen, die da vorne so komische Bücher in der Hand halten, mustern. Szameit liest aus "Copyworld", einem fesselnden Buch mit interessanter Entstehungsgeschichte. Kröger trägt aus seinem neuen, bislang unveröffentlichten Roman vor. Eine Stimme vom Band ist so freundlich, die Lesenden und Hörenden regelmäßig darauf hinzuweisen, daß die Bibliothek bald schließt. Als dann die Dämonenkiller-Lesung im Anschluß beginnt, stelle ich mich unauffällig vor die Tür und lausche den Kommentaren der Passanten:
"Was machen die'n da?"
"Sind doch so Sains Fiktschn Leut."
Das vermehrte Aufkommen gelb-schwarzer gewandeter Fußballfans ruft mir die mißliche Lage der Eintracht Frankfurt ins Gedächtnis zurück. Ich trinke endlich einen Kafffee im Bistro des Centers und drücke der Eintracht die Daumen. Ob sich ein paar SF-Fans mit einem Radio ins Hinterzimmer verkrochen haben? Der Koch des Bistro weiß immerhin das ein oder andere Halbzeitergebnis.


40 Years in Business. So lautet der Titel einer Veranstaltung mit Brian Aldiss, Harry Harrison, Sam Lundwall und Josef Nesvadba. Eine gute Gelegenheit, alle vier auf einmal zu erleben. Im Clubraum, dem Ort der Veranstaltung, ragt eine Wendeltreppe hinauf. Brian Aldiss kommt herein, eilt unverzüglich ein paar Stufen die Wendeltreppe hoch, wendet sich dem Publikum zu, breitet die Arme aus und ruft pathetisch: "I give you my word!" Alle glauben ihm. Er und Harrison werfen sich in der folgenden Stunde die Sätze nur soum die Ohren. Lundwall und Nesvadba ergänzen den Dialog der beiden pointierten Einwürfen.


Brian Aldiss trägt ein rosa Hemd, einen grauen Anzug und weiße Turnschuhe. Sein langes, hageres Gesicht strahlt Wärme und Weisheit aus - und im nächsten Moment verzieht er seine Miene, und ein schalkhaftes Grinsen erscheint. Aldiss ist witzig und schlagfertig, ein echter Bühnenprofi. Harry Harrisons Blick ist rastlos; seine Augen reißt er beim Sprechen weit auf, seine Hände sind selten still. Man hat auf den ersten Blick das Gefühl: Dieser Mann hat vor nichts Respekt. Sam Lundwall hört über weite Strecken mit leisem Lächeln zu. Ergreift er das Wort, spricht er gleichmäßig und wohlüberlegt. Josef Nesvadba spricht neben Tschechisch auch Deutsch und Englisch fließend. Alle vier haben offensichtlich viel Spaß miteinander.


Ich bin um kurz nach fünf Uhr morgens aufgestanden. Erste mentale Verfallserscheinungen machen sich bemerkbar. Ich lege im Hotel die Füße hoch, nachdem der Nachtportier (der um 18 Uhr sein Biwak hinter der Rezeption aufschlägt) mich nach Waffen und verbotenen Substanzen abgetastet hat, die er in seinem Hotel niemals zulassen wird.


Gegen 19 Uhr wird der Kurd-Lasswitz-Preis verliehen. Na, dann schaue ich es mir doch mal an. Bei den Preisträgern gibt es keine Überraschungen. Nach der Verleihung sage ich Hallo zu Florian Breitsameter, aber er murmelt nur etwas von "umsonst Essen und Trinken" und verschwindet. Ich habe ihn Sonntag und Montag nicht mehr gesehen. Hoffentlich war er nicht das Hauptmenü.


Um 20 Uhr diskutieren Roger McBride Allen, Ian Watson und Terry Pratchett die Frage "What if Great Britain had joined the USA". Die Diskussion wird fast schon ernst geführt. Pratchett und McBride Allen wetteifern um die besten Vorurteile gegen Amerikaner bzw. Engländer. Der Scheibenweltler hat das letzte Wort - sehr zum Spaß der Zuschauer. McBride Allen ist mit seiner ganzen Familie angereist und trägt drei Tage lang sein Baby durch die Gegend, in dessen Augen sich die Frage spiegelt: Where the hell am I?


Mein Körper brüllt mich etwa um 21.30 Uhr an: Wo ist denn heute der Kaffee geblieben. Also Zeit, ins Bett zu gehen. Der Nachtportier im Hotel ist ein hutzliger Mann, dessen Kopf gerade so über den Tresen ragt. Ich vermute, daß seine Hände unter dem Tresen einen Baseballschläger oder eine Kettensäge umklammern. Er zwingt mich, die Tagesthemen anzusehen. Die Eintracht hat gewonnen! Beruhigt gehe ich zu Bett.

Dortmund, Sonntag, 23.5.99,  9 Uhr, die Sonne brennt, 3-Wetter-Taft.

Ich beginne den Tag mit "Vergessenen SF-Autoren". Hardy Kettlitz (Alien Contact) gibt mir ein paar gute Tips, nach welchen Büchern ich auf den Verkaufstischen Ausschau halten soll. Weiter geht's beim Kaffeeklatsch mit Andreas Eschbach. Er sieht etwas übernächtigt aus. Aber wenn drei Preise innerhalb von drei Tagen kein Grund zum Feiern sind, weiß ich es auch nicht mehr. In entspannter Runde erhalten die Zuhörer Einblick ins Schaffen des - zu Recht - höchstdekorierten SF-Autors Deutschlands.


Beim Schlendern durch die Räumlichkeiten fällt mir allgemein auf, daß eigentlich jeder dunkle Ringe unter den Augen hat und nicht mehr sonderlich lebhaft ist. Warum nur?

An Brian Aldiss kann man sich nur ein Beispiel nehmen. Er unterhält sein Publikum mit seinen Erfahrungen mit Filmregisseuren. Als er von seiner Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick erzählt, weiß ich erst gar nicht, von welchem Film die Rede ist. Natürlich, "Artificial Intelligence" - der Kubrick-Film, den wir also niemals sehen werden ...


Direkt im Anschluß mache ich mit dem Kaffeeklatsch mit Stephen Baxter weiter. Sein "Zeitschiffe" ist eines meiner Lieblingsbücher. Baxter war unter den Zuhörern bei Aldiss' Vortrag, und er macht zu meiner Freude da weiter, wo Aldiss aufgehört hat. Stephen Baxter ist ein leiser, fast unscheinbarer Mann, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, wenn er spricht, aber auch selbst interessiert zuhört. Ich nehme mir vor, auch von ihm in Zukunft viel mehr zu lesen ... wie von Aldiss ... und Harrison und so weiter.


Um 15 Uhr muß ich in den Amphisaal. Zuerst wird der Phantastik-Award verliehen. Dirk van den Boom brilliert als Moderator und findet es offenbar selbst sehr witzig, daß jeder Preisträger seine Auszeichnung entgegennimmt und davonrennt, weil er zum Zug muß oder zum Essen oder aufs Klo oder ins Bett oder sonstwas. Dann bekommen drei Schüler ihre Preise für den Schulwettbewerb.


Schließlich sind wir dran. Ich darf mich über den dritten Platz beim Metropolis Award freuen (im Stillen nenne ich ihn übrigens hämisch "Mitropa Award"). Claudia Drescher ist auf dem zweiten Platz gelandet. Ralan Conlay ist hochverdient Erster. Wir drei verstehen uns ausgezeichnet und nehmen uns vor, das Ganze ausgiebig zu feiern. Vorher ist noch Harry Harrison auf der Bühne. Seine quirlige Ehefrau verarscht ihn auf der Bühne während seines Vortrags - wunderbar!


Es ist an der Zeit, die überflüssigen Leerstellen im Rucksack mit Büchern auszupolstern. Einer der Verkaufsstände gehört einem wahnsinnig netten Paar aus Mainz (viele Grüße!), die außerdem die Bücher zu einem humanem Preis anbieten. Ich verspreche, Ende Juni zum Johannisfest zu fahren.


Um sieben Uhr erfahre ich, daß wir drei Preisträger am Gala Dinner teilnehmen können. Automatisch fühle ich mich underdressed, aber deswegen nicht hingehen? Quatsch! Nun, über die folgenden Stunden möchte ich nicht viele Worte verlieren. Wir drei Metropolis-Leute hatten sowieso zu feiern. Harry Harrison und Brian Aldiss haben uns Gesellschaft geleistet. Und schließlich haben meine neuen Freunde sogar Terry Pratchett zu mir gezerrt. Unvergeßlich.

Dortmund, Montag, 24.5.99, 9 Uhr, der Kopf brennt

Das Frühstück schmeckt mir irgendwie nicht. Ich fühle mich so, wie die anderen am Vortag ausgesehen haben. Mein Rucksack scheint doppelt so schwer geworden zu sein. Mit dickem Kopp wanke ich durch die Lobby. Gegen 12 Uhr sollen wir drei unsere Metropolis-Stories lesen - in direkter Konkurrenz zu Terry Pratchett. Was soll's, hat man wenigstens seine Ruhe. Ich verausgabe mich bei meiner Geschichte so sehr, daß mein Kater noch schlimmer wird - eine sehr interessante Erfahrung, die ich ausdrücklich weiterempfehlen möchte. Claudias und Ralans Geschichten folge ich trotzdem mit viel Vergnügen.


Mit schwachem Händedruck und gemurmelten Abschiedworten verabschiede ich mich von den vielen netten Menschen, die ich beim Con kennengelernt habe. Das letzte, was ich noch mitbekomme, ist, daß sich Terry Pratchett die "Lara Croft in Wet Suit" kauft. Schwarzer Hut, zufriedenes Grinsen und eine Lara Croft-Statue unterm Arm - so entschwindet er an diesem Montag.


Zwei Stunden später komme ich in Kassel an und warte auf den Zug nach Marburg. Meine Kater ist abgeklungen, die hessische Luft hilft offenbar.


Was bleibt hängen von einem solchen Con? In meinem Fall: Das Biertrinken mit Terry Pratchett ... Aber bin ich zu einem Con-Fan geworden? Ich glaube nein. So ein großer Con ist wie ein großes Rockkonzert: anstrengend. Hat man ihn hinter sich, reicht's für nächste Zeit, und man verspürt nicht den Wunsch, bald wieder an so etwas teilzunehmen. Und dann sieht man auf einem Plakat, daß Dan Simmons zum Elstercon kommen soll ...
Es herrscht eben ein Connen und Gehen.