Alles unter einem Dach (1997)

Herr Müller schaffte sich immer rechtzeitig einen vernünftigen Vorrat an Gegenständen des täglichen Gebrauchs an. In seinem Ein-Personen-Haushalt kam es nicht vor, daß er plötzlich kein Toilettenpapier mehr hatte, die Kaffeefilter auf einmal ausgegangen waren, die Ferttiggerichte aufgebraucht waren oder gar daß er ohne Zahnpasta dastand.

An diesem Tag war es die Zahnpasta, deren baldiges Ausgehen Herrn Müller in das Kaufhaus trieb. Das mehrstöckige, gewaltige Gebäude stand im Zentrum der Stadt. Herr Müller mochte die Anonymität, in der man dort einkaufen konnte, das Angebot war sowieso das größte und die Preise annehmbar. Wenn Herr Müller einkaufte, brauchte er eine breite Palette von Angeboten, damit er immer auf die Produkte zurückgreifen konnte, die sich bewährt hatten. Er war kein Freund von Experimenten, und bekam er nicht die Zahnpasta, die er seit Jahren benutzte, nahm er nicht einfach eine andere Marke, sondern ging in ein anderes Kaufhaus. Doch dieses riesige Kaufhaus in der Innenstadt hatte einfach alles und erfahrungsgemäß auch seine Zahnpasta.

Lebensmittel gab es im untersten Geschoß des Gebäudes, darüber türmten sich die Massen der anderen Artikel auf. Schnell fand Herr Müller seine Zahnpasta, bezahlte und ging gemütlichen Schrittes auf den Ausgang zu. Die Zahnpasta steckte er samt Kassenzettel, den er noch für seine Buchhaltung brauchte, in seine rechte Jackentasche.
Mit der Spitze der Tube stieß er an einen Gegenstand, der sich schon in der Tasche befand. Herr Müller ließ die Tube los, ergriff den anderen Gegenstand, an den er sich gar nicht mehr erinnern konnte und zog ihn hervor.

Er blieb mit einem Gefühl der Verblüffung stehen.

In seiner Hand hielt er eine goldene Armbanduhr. Edel. Sündhaft teuer. Nicht nur, daß sie Herrn Müllers bescheidenem Stil nicht entsprach, er hatte sie auch niemals gekauft. Wie auch, er war gar nicht an der Uhrenabteilung vorbeigekommen. Da war sie nun plötzlich in seiner Jackentasche, und er hatte keine Ahnung, wie sie da hineingeraten war. Es gab nur eine vernünftige Lösung: jemand mußte sie ihm zugesteckt haben, aus welchen Gründen auch immer.

Auf der Uhr klebte das Sicherungsetikett. Herr Müller schaute in Richtung Ausgang und auf die Sensoren, die sich beiderseits der Tür befanden, um Diebesgut zu entdecken. Ginge er dort hindurch, aktivierte dies sofort die Alarmanlage. Herr Müller konnte sich den Trubel gut vorstellen. Zuerst würden die Passanten ihn irritiert ansehen, dann die Angestellten des Kaufhauses an ihn herantreten, den Kaufhausdetektiv alarmieren, vielleicht sogar die Polizei.

Alleine die Vorstellung, im Mittelpunkt solchen unangepaßten Interesses zu stehen, jagte ihm Schauer über den Rücken. Sein Ruf als verläßlicher und korrekter Mensch wäre dahin, am Ende waren noch Arbeitskollegen in der Nähe. Fast hätte er die Uhr wieder instinktiv in die Tasche gesteckt, doch das war ihm zu auffällig und er behielt sie in der Hand. Er begab sich zur Rolltreppe und suchte auf der Liste der Verkaufsgüter nach der Abteilung "Schmuck". Die Uhr noch immer unauffällig in der Hand wiegend, fuhr er hinauf in den dritten Stock.

Er wollte nicht die ganze Abteilung durchsuchen, bis er den exakten Platz für die Uhr fand, und eine Verkäuferin danach zu fragen, hielt er für unmöglich. Also hängte er sie an den nächstbesten Haken mit billigen Halsketten, auch wenn er diesen Akt der Unordnung innerlich verabscheute.
Erleichtert eilte Herr Müller zur hinabführenden Rolltreppe und wischte sich die Hände an seiner Jacke ab, als wären sie durch das Fast-Diebesgut beschmutzt worden. Seine rechte Hand fühlte erwartungsgemäß unter dem Stoff der Jacke die Tube Zahnpasta in der Tasche.
Doch seine linke Hand fühlte ebenso etwas in der linken Tasche.

Wäre er gelaufen, hätte er innegehalten, doch die Rolltreppe fuhr unbeirrt weiter. Ungläubig wanderte seine Hand in die Tasche und umschloß den viereckigen Gegenstand aus Plastik. Eine CD. Herr Müller schaute vorsichtig hinab. Weder kannte er den Interpreten, noch hatte er die CD in die Tasche gesteckt. Auch an ihr war das Sicherungsetikett nicht zu übersehen.
Unten angekommen studierte er die Schautafel und suchte nach der CD-Abteilung. Mit dem nervösen Blick eines Amateurdiebes, der er gar nicht sein oder werden wollte, begab er sich ins siebte Stockwerk und schob die CD zwischen ihresgleichen. Daß sie an der falschen Stelle stand, kümmerte Herrn Müller jetzt wenig.

Nun ist es nicht möglich, durch ein Kaufhaus zu rennen, ohne ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Herr Müller tat so, als habe er es unheimlich eilig und er spielte die Rolle mit erstaunlichem Elan. Dies hatte den Grund, daß er es jetzt wirklich eilig hatte, aus dem Kaufhaus zu verschwinden. Dabei hielt er sich von jedem Menschen fern, damit ihm nicht wieder irgendjemand etwas in die Tasche schieben konnte:
Herr Müller kam am Hauptausgang an und beäugte mißtrauisch die Pfeiler, die laut aufheulten, wenn man an ihnen ein Sicherungsetikett vorbeischmuggeln wollte. Jenseits von ihnen befanden sich der geschäftige Bürgersteig, auf dem Passanten vorbeihuschten, die vielbefahrene Straße und vor allem die frische Luft der Freiheit.
Er ließ beide Hände in die Taschen gleiten.
Rechts die Zahnpasta.
Und links...
Es fühlte sich wie ein Rasierapparat an.
Seufzend drehte sich Herr Müller um.


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Auch heute noch kann man Herrn Müller entdecken, wenn man Glück hat. Er hat gelernt, sich im Hintergrund zu halten und vermeidet nach wie vor jede Aufmerksamkeit.

Inzwischen versucht er, ein ganz normales Leben zu führen. Bringt er den Gegenstand fort, taucht auf der Stelle ein Neuer in seiner Tasche auf. Legt er die Jacke weg, befindet sich der Gegenstand in der Hosentasche. Es gibt keinen einzigen Ausgang ohne diese Sicherungsetikett-Erkennung, oder wie man diese Dinger nennt. Die Fenster in den Toiletten sind zu klein, um durch sie zu verschwinden. Das Treppenhaus und der Lift sind auch mit diesen Dingern versehen. Sogar die Personaleingänge und die Wege zum Parkhaus.

Überleben ist kein Problem in dem Konsumtempel. Die Abteilung mit den Lebensmitteln ist so weitläufig, daß er morgens und abends immer ein ruhiges Eck zum Essen findet. Herr Müller trägt gezwungenermaßen immer die neueste Mode. Er zieht sich täglich frisch an und hängt die getragene Kleidung wieder ordentlich an den Haken auf. Manchmal bleibt einen Tag in der Abteilung mit Herrenbekleidung und lacht hämisch über die Leute, die "seine" Kleidung auftragen. Es dauerte aber einige Zeit, bis er diese schwarzhumorige Ader bei sich entdeckt hatte. Er wusch sich in der Besuchertoilette. Leider konnte er dort nicht sein sonntägliches Vollbad einnehmen. Für seinen Toilettenbeutel hatte er ein gutes Versteck im Restaurant hinter einem Blumentopf gefunden. War ihm langweilig, las er die neuesten Bücher oder schaute fern, jeweils in der entsprechenden Abteilung. In der Polsterabteilung schlief er immer besser. Manche Nächte verbrachte er auch damit, die Verkaufsgüter wieder ordentlich in den Regalen aufzustellen oder die Kleidung wieder korrekt nach Größe zu sortieren.

In Momenten der Verzweiflung, die immer öfter kamen, stellte er sich direkt vor den Hauptausgang, schaute hinaus in die unerreichbare Freiheit und nahm sich vor, zu rennen und lieber Gefahr zu laufen, erwischt zu werden und die Strafe für Kaufhausdiebstahl auf sich zu nehmen. Er tat es nie. Was wäre danach gekommen? Wie sollte er leben, wenn er sich in kein Geschäft mehr trauen konnte, weil all dies wieder von vorne losgehen konnte. Kaum, daß er sich versah, wäre er zum Serientäter geworden. Dann wartete er lieber, bis die Gegenstände verschwunden waren und er unbehelligt gehen konnte.

Wahrscheinlich war längst eine Vermißtenmeldung aufgegeben worden, von Verwandten oder Arbeitskollegen. Wenigstens hatte man ihn noch nicht entdeckt. Wie sollte er das hier vernünftig erklären, wenn ihn mal ein Arbeitskollege zufällig traf?

Einmal hatte man ihn "gestellt".
Da war ein junger, ambitionierter Verkäufer gewesen, der ein Auge auf Herrn Müller geworfen hatte, weil dieser so oft im Kaufhaus war. Er hatte dem Kaufhausdetektiv befohlen, Herrn Müller zu durchsuchen.
Man hatte nichts bei ihm gefunden, und Herr Müller durfte weitergehen. Mit pochendem Herzen war er in Richtung Ausgang geeilt, aber beim Laufen hatte er schon bemerkt, daß da wieder ein wertvoller Gegenstand in seiner Jackentasche  aufgetaucht war.

Auch der Versuch, den Gegenstand anderen Leuten in die Tasche zu schmuggeln blieb erfolglos. Gingen diese Leute durch die Sensoren, heulten diese laut auf, woraufhin die Leute sofort in Gewahrsam genommen wurden. Nur hatte sich in der Zwischenzeit längst ein anderer Gegenstand in Herrn Müllers Tasche eingefunden.

So läuft er also immer noch zwischen den Regalen herum. Herr Müller sieht auf seltsame Art heruntergekommen aus. Trotz der Wärme trägt er einen zugeknöpften Mantel, sein Blick ist fast immer gesenkt, er hat keine Einkaufstüte. Wenn man ihm begegnet, hat man das Gefühl, daß er gar nicht zum Einkaufen hier ist.

Und wenn man mal in ein anderes Kaufhaus geht und die Augen offenhält, entdeckt man dort auch jemanden wie Herrn Müller.

(c) 1997