eBooks - die ganze Wahrheit

Zugegeben: Ich bin ein schrecklicher Geek.

Da laufe ich am Strand von Maspalomas lang und sehe eine junge Frau mit einem weißen eBook-Reader. Die Frau ist nackt. Und ich frage mich nur: Ist das der Kindle oder das Cybook Opus?

Dann kehre ich aus dem Urlaub zurück, und der Sony PRS-505 kostet nicht mehr 199, sondern wieder 249. Warum? Er ist jetzt ein Auslaufmodell. Der Quasi-Nachfolger erscheint hierzulande bald, für 199 Euro, also zum gleichen Preis wie der PRS-505 zuletzt, dafür mit kleinerem Screen und weniger Funktionen. Super mitgedacht, Leute ... toller Weg, Kunden für eBooks zu begeistern.

Und da wären wir schon beim Thema: Schaut man sich den eBook-Markt an, fällt auf, dass niemand eine echte Strategie hat, außer der, die eBooks so unattraktiv wie möglich zu machen, damit die Leser bitteschön weiter Bücher kaufen.

Damit wir das gleich aus dem Weg geschafft hätten: Wer sich bei mir unbeliebt machen will, muss einfach den Satz sagen: "Das eBook kann das gedruckte Buch nicht ersetzen." Ich sage es nur ein Mal, und ich ich sage es deutlich: Das eBook will das gedruckte Buch gar nicht ersetzen! Die Ängste mancher Leser sind die gleichen wie bei der Verbreitung des Fernsehens - aber zu aller Erstaunen gibt es immer noch Kinos, und weil sie mit dem aktuellen 3D-Boom zumindest kurzfristig dem Heimkino etwas voraus haben, gehen die Leute tatsächlich wieder hin! Bücher sind in jeder Hinsicht perfekt: Keine Akkulaufzeit, kein ärgerlicher Kopierschutz, man kann es einfach so verleihen und weiterverkaufen und man kann es Jahrzente später noch konsumieren.

Warum also überhaupt eBooks?

Nun, ich möchte Rainald Grebe zitieren. "Also, Hongkong und Wilhelmshaven kann man ja vergleichen. Ich kann das. Mach das jetzt auch. Und wenn man Hongkong und Wilhelmshaven vergleicht, wird man feststellen: die Unterschiede überwiegen."

eBooks sind anders als Bücher. Man muss einfach nur davon wegkommen, die Unterschiede automatisch als Nachteile zu sehen - sondern als Vorteile. Man kauft kein physisches Medium mehr? Toll - endlich hat man massig Bücher und sie nehmen keinen Platz mehr weg. Man kann sie nicht mehr verleihen? Toll - nie wieder den Leuten hinterherlaufen, die was geliehen haben. Man weiß nicht, ob man die gekauften Files in 10 Jahren überhaupt noch öffnen kann, wegen DRM? Na und, jetzt gerade geht es aber, und man will das Buch schließlich jetzt lesen, nicht in 10 Jahren.

Dass es eine Zielgruppe gibt, habe ich auf dem Hinflug erlebt. Die Sitznachbarin erzählte, dass sie 5 Wochen in Urlaub fährt und 12 Bücher mitschleppt. Nach kurzem Anschauen und Erläuterung der Key Features (an mir ist ein Außendienstler verloren gegangen), war sie überzeugt, dass sie im nächsten Urlaub so einen Reader mitnimmt.

Wie man solche Geräte nicht verkauft, kann man derzeit in den meisten Thalia-Filialen beobachten. Dort steht ein einsamer Reader zum Angucken rum. Die Aushänge dabei wollen auf die Vorzüge hinweisen, aber die lieblose Präsentation schreckt einfach nur ab. Man schaut sich dieses von tausend Fettfingern betatschte Silberteil an und denkt: Das soll die Zukunft des Buches sein?!

Das Verwalten von eBooks wiederum geht mit der Sony-Software einigermaßen gut. Nicht ganz so idiotensicher wie das iPod-Befüllen via iTunes, aber immer noch leichter, als unter DOS die autoexec.bat zu editieren. Nervig sind dabei die Schritte, die man gehen muss: Erstmal in einem Online-Store die eigentliche Datei kaufen (mit dem ganzen Klumpatsch an Kundenprofilen etc.), dann die Datei in der Sony-Software importieren, dann die virtuelle Bibliothek mit dem Reader synchronisieren. Immerhin klappt es auch mit eigenen PDFs reibungslos.

Bisheriges persönliches Fazit nach fünf gelesenen Romanen auf dem Reader: Das Display ist großartig, und der Unterschied zu gedruckten Büchern gering genug, um den Reader gern als Lesegerät zu nutzen - deutlich lieber als ein strahlendes iPhone. Die Qualität der elektronischen Tinte muss man sich so vorstellen: Man hat den Eindruck von Recycling-Papier, aber es hat die blendende Eigenschaft von Hochglanzpapier. Natürlich wäre genau umgekehrt besser, aber daran wird ja gearbeitet. Und an Farbe.

Der Akku hatte nach ca. 10 Tagen und vier Büchern noch 50%.

Heißt: Display, Akku und Gewicht (250 Gramm) sind so gut, dass wir nun wirklich praktikable eBooks haben - das ist um Welten besser als die Lesegeräte mit LCD-Display vor knapp zehn Jahren, die fast ein Kilo gewogen haben und nur wenige Stunden lang funktionierten.

Diese eBooks sind ein Fortschritt. Ein großer sogar. Und eine tolle Ergänzung für den Buchmarkt. Ebendieser muss es nur noch merken:

- Das Einkaufen und Synchronisieren von Büchern muss eine Ein-Klick-Angelegenheit werden.

- Die Verwaltung der Bücher muss sich daran orientieren, wie wir mit echten Büchern umgehen (Bilden von Stapeln, Anlegen von virtuellen Regalen).

- Eine Koppelung von Print- und eBook-Ausgabe wäre wünschenswert - also dass man ein eBook-File erhält, wenn man das gedruckte Buch kauft.

- Der Preis der eBooks muss verdammt noch mal runter. Ein paar Euro Abzug sind zu wenig, um Kunden zu locken. (Wobei ich jetzt erst gemerkt habe, dass eBooks eine Mehrwertsteuer von 19% haben - welcher Depp hat sich das denn ausgedacht?)

Der Markt ist schwer in Bewegung, und er wird nicht so schnell in Ruhe kommen. Eine Prognose, wo wir in zehn Jahren sind, wage ich nicht.

Was die nächsten Stunden angeht ... ich würde auf "iPad" tippen. Und eine deutlich verbesserte Kauferfahrung und Synchronisierungsmöglichkeit.