Juni 2009
Korkenknallen im Vatikan
Zu später Stunde eine Hammermeldung: Der Vatikan hat Knochen gefunden - völlig unerwartet in einem Grab! Und nicht die Knochen von irgendwem, nein, potenziell die des Apostel Paulus - sensationellerweise im Grab des Apostel Paulus! Aber das muss man gleich wieder relativieren. Denn die Knochen wurden "mit Hilfe einer Sonde" in dem Grab registriert und nicht etwa geborgen. Außerdem nicht von unabhängiger Stelle, sondern "vom Vatikan". Und das alles passgenau zum Ende des "Paulus-Gedenkjahres".
Hm ... Zufälle gibt's!
Und ist das nicht praktisch, erst das positive Ergebnis präsentieren zu können? Was hätte der Vatikan wohl gemacht, wenn die Sonde festgestellt hätte, dass das Grab völlig leer ist? Ein Schild mit der Aufschrift "DEKO" hingestellt?
Alternativ ist der Dudeismus im Angebot ...
Richard Kelly is back?
"Donnie Darko" hat mich damals fasziniert wie selten ein Film zuvor. Innerhalb von einer Woche MUSSTE ich ihn mir gleich vier Mal anschauen. Dass der Film bei anderen Leuten nicht annähernd die gleiche Wirkung entfaltet, sondern ihnen vielleicht die Füße einschlafen lässt, war und ist mir bewusst. Ich bin auch heute noch von den Dialogen, dem Schnitt, der Melancholie und der Musik äußerst angetan. Wer nicht - der nicht.
Auch wenn Herr Kelly besser nicht den Director's Cut angefertigt hätte - die zusätzlichen Sequenzen wirken, als sollten sie für Klarheit sorgen, aber sie stören nur den Rhythmus. Und viele kleine Änderungen hätte er besser belassen, wie sie in der Kinofassung waren - wenn Frank sich im Kino zu Donnie rüberbeugt und "Why are you wearing that stupid man suit?" sagt, dann flüstert er es in der Originalfassung. Nicht im DC - da sagt er es mit Hall unterlegt. Sicher - so ist es einheitlicher, weil Frank im ganzen Film mit diesem Effekt spricht, aber die Szene verliert ca 50% Gänsehaut.
Dann kam lange nichts von Richard Kelly. Und dann endlich "Southland Tales".
Der Trailer versprach eine wilde und surreale SF-Abfahrt mit gegen den Strich besetzten Rollen. In gewisser Weise ist der Film es auch geworden. Aber es ist ein sehr problematischer Film. Die Einführungsmonologe dauern ewig. Die Figuren wirken wirr und die Besetzung überzeugt nicht. Insgesamt ist der Film zu lang. Nur selten entfaltet er eine gewisse Sogwirkung, nur wenige Sequenzen sind rundum gelungen - an vorderster Front ist da natürlich die brillante Musical-Sequenz zu nennen. Trotzdem: Anders als "Donnie Darko" kein Film, den man gleich wieder sehen will. Aber irgendwann noch mal. Denn immerhin ist er so außergewöhnlich, dass man ihn nicht mit der Hollywood-Stangenware verwechselt.
Nun naht Kellys dritte Regie-Arbeit: "The Box". Der Trailer (37 MB) ist da.
Ich will nicht wieder den beliebten Fehler machen, den Trailer zu mögen und deswegen auf einen tollen Film zu hoffen. Zumindest zeigen die Ausschnitte eine gewisse Gruseligkeit. Ob die Figuren - zumindest für mich - so gut funktionieren wie bei "Donnie Darko", wird sich zeigen. Die Story dürfte kaum genug hergeben, um solche trockenen, sarkastischen Dialoge zu schreiben. Und reicht der Knackpunkt der Story aus, um einen ganzen Film zu tragen?
Andererseits: Die Story stammt von dem unsterblichen Richard Matheson. Die Basis stimmt also. Es wird spannend zu beobachten, ob Kelly so eine phänomenale Entwicklung wie Christopher Nolan nach "Memento" hinlegen kann, oder ob man ihn irgendwann nur für "Donnie Darko" in Erinnerung behält.
Freundliche Erinnerung
Es sei noch einmal auf die nächste Lesung hingewiesen, weil bald:
Samstag, 4. Juli 2009
Fantasy-Night
Amtshof Freiensteinau (Am Kirchberg 2)
ab 20 Uhr, Eintritt frei
Lesung aus "Drachenwächter - Die Jagd", gemeinsam mit Christoph Hardebusch, der seine "Trolle" und "Sturmwelten" präsentiert. "Fantasievolle Speisen und Getränke und weitere Überraschungen" verspricht der Kulturkreis Blaues Eck.
Vielleicht lese ich auch was aus "Cademar". Wird spontan entschieden.
Lesetipps
Geht's meinem Verlag gut, dann geht's auch mir gut.
Daher durchaus eigennützig der Hinweis auf einige Kolleginnen, die in letzter Zeit bei Spreeside erschienen sind:
Linda Budinger: "Die Nebelburg: Die Greifenritter von Alnoris". Fantasy-Roman.
Susann Rosemann: "Das Geheimnis der Alchimistin". Historischer Roman.
Stefanie Dettmers: "London Hades". Historisch-phantastischer Roman.
Alle Bücher im Hardcover in bewährter Qualität.
Und noch eigennütziger sei schon mal etwas vorangekündigt.
Politik von der Affeninsel
Da ist noch etwas Resthirn, weswegen die FDP für mich keine Option ist. Aber prinzipiell hätte ich gern eine echte Alternative, weswegen ich mich im Rahmen der Europawahl erstmals mit der Piratenpartei auseinandergesetzt habe. Und eigentlich könnte ich mich stundenlang für das (zugegeben thematisch sehr enge) Thema begeistern und mich mit vielem identifizieren.
Aber eine Sache macht die Partei für mich unwählbar, nämlich:
"Die derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich des Urheberrechts beschränken jedoch das Potential der aktuellen Entwicklung, da sie auf einem veralteten Verständnis von so genanntem "geistigem Eigentum" basieren, welches der angestrebten Wissens- oder Informationsgesellschaft entgegen steht."
Puh. Wenn ich mir das hier alles so durchlese, graut mir.
Nun bin ich ja grundsätzlich gegen seltsame Kopierschutzmechanismen, die einem nur Ärger bereiten. Und dass inzwischen eigentlich alle großen Online-Musikhändler freie Dateien verkaufen und immer noch existieren, ist ein gutes Zeichen und wird von mir als Konsument nachhaltig unterstützt.
Gleichzeitig sehe ich, dass meine Hörbücher mit zwei Klicks auf diversen Torrent-Sites gefunden werden können - und dort schon hundertfach heruntergeladen worden sind. Und es fällt mir schwer, das als tollen Werbeeffekt einzustufen ...
Kreative leben von den Verkäufen ihrer Werke. Das Urheberrecht das Einzige, was sie haben. Wenn man mit der Erstellung eines Werkes gleichzeitig die Rechte daran verliert, ist das paradox und unrealistisch - und genau das Gegenteil von "Förderung der Kultur". Gefördert wird eine Konsumkultur und es wird ein Klima geschaffen, in dem alles erlaubt zu sein scheint.
Dann wird immer wieder gern von einer "Kulturflatrate" gesprochen, bei der jeder Bürger eine bestimmte Summe bezahlt, um uneingeschränkten Zugang zu allen verfügbaren Werken zu erhalten. Problem dabei: Es würde sofort zu endlosen Verteilungskämpfen um die Anteile an dieser Summe kommen. Die Buchverlage, die Musikindustrie, die Spielebranche und so weiter - sie alle würden um Prozente kämpfen, und wenn man sich mal einigt, wird spätestens zwei Jahre später alles von vorne beginnen, und alle beschweren sich, dass sie zu wenig bekommen. Ein Teufelskreis. Dass ein Konsument für das bezahlt, was er haben will, ist immer noch das fairste Modell - für den Kunden, wie für den Kreativen.
In Interviews betonen die Anhänger der Piratenpartei, diese sei "keine Filesharer-Partei". Solche Ziele zum Urheberrecht sagen das Gegenteil. Und schaut man sich die Kommentare auf der Seite an, bin ich mit diesen Bedenken nicht alleine.
Mir würde schon weiterhelfen, wenn diese Partei umreißt, wie die von ihr angestrebte "Wissens- und Informationsgesellschaft" aussieht. Die freie Verfügbarkeit von ALLEM kann es wohl kaum sein. Oder?
Und abgesehen von diesem speziellen Problem: Ich würde NIE für eine Partei auch nur einen Finger krumm machen, die kein Wort zu ihrem grundlegenden Weltbild verliert. Soll man wohlwollend davon ausgehen, dass eine Partei, die den Schutz der Privatsphäre anstrebt, das demokratische System prinzipiell unterstützt? Sie könnte es ja auch einfach mal sagen.
Ergänzung: Okay, man muss etwas im Wiki der Partei suchen, dann findet man ein Bekenntnis der Partei zur demokratischen Grundordnung und zu ökologischem Handeln. Klarer Pluspunkt, die urheberrechtlichen Bedenken bleiben.
Zeitlos
HEINLEIN'S RULES FOR WRITING
1. You must write.
2. You must finish what you write.
3. You must refrain from rewriting, except to editorial order.
4. You must put the work on the market.
5. You must keep the work on the market until it is sold.
(1947)
Aktivistenaktivitäten
Wer eine Homepage hat, gilt ja heutzutage per se als "Netzaktivist". Wobei mir nicht klar ist, was ein Netzaktivist eigentlich ist. Kann man so einen Job auch vermittelt bekommen?
"Guten Tag, Arbeitsagentur Iserlohn. Ich könnte Ihnen da eine Stelle als Netzaktivist bei einem Großhandel anbieten."
"Äh, und was müsste man da genau machen?"
"Irgendwas mit Computern halt. Sie haben doch "Office-Kenntnisse" in Ihrem Lebenslauf angegeben."
Eigentlich will ich nur darauf hinaus, dass jeder diesen Artikel von Christian Stöcker lesen sollte. Nicht nur Angehörige der Generation C64, der ich mich gleich viel zugehöriger fühle als der vermeintlichen Generation Golf, die Herr Ilies irgendwo aus dem Trüben gefischt hat. Und als Bonus gibt's noch diesen Artikel von Bettina Winsemann.
Bei uns in der Spielebranche gibt es folgende Theorie: Wir müssen nur geduldig sein, dann setzt sich die politische Kaste aus lauter Leuten zusammen, die mit Computerspielen aufgewachsen sind.
Ha.
MEINE Theorie ist folgende: Eine politische Karriere wählt bevorzugt die Sorte Mensch, die schon mit 15 eine Parteikarriere plant und allen kritischen und potenziell anstößigen Dingen aus dem Weg geht. Heißt, minimal verkürzt und zugespitzt: So jemand verschwendet nicht seine Zeit mit Ballerspielen, sondern wird Kassenwart bei der Jungen Union. Damals wie heute.
Deswegen werden wir uns auch noch in 20 oder 30 Jahren noch mit den gleichen Grabenkämpfen beschäftigen.
Adventure-Link-Polka
Microsoft holt die Beatles und Steven Spielberg auf eine Bühne und präsentiert dann mit "Project Natal" eine Videospiel-Vision ohne Controller.
Mir doch egal.
Die wirklich wichtigen Meldungen kamen erst davor und dann danach.
Nach fast 10 Jahren kehrt endlich "Monkey Island" zurück. Irgendwer ist offenbar zu LucasArts gegangen, hat die am Kragen gepackt und links und rechts eine gescheuert, damit sie endlich aufwachen. Ja, sie sind aufgewacht. Und vernünftigerweise haben sie die IP sogar in kompetente Hände lizenziert.
Aber eins nach dem anderen: Das originale "Monkey Island" erscheint als Special Edition in neuem Gewand - mit frischer Grafik, voll vertont, und auf Wunsch kann man sogar zur pixeligen Originalversion umschalten. Und das für PC und Xbox 360. Dass ich einer von denen bin, die dieses Spiel als prägend bezeichnen, ist ja kein Geheimnis. Verdammt, jeder, der sich auch nur halbwegs für Adventures interessiert oder daran arbeitet, ist von "Monkey Island" geprägt worden. Ich habe es damals als 16jähriger von Freitag Nachmittag bis Sonntag Abend auf meinem Amiga 500 durchgespielt - mit nur minimaler Nahrungsaufnahme und dem nötigsten Schlaf. Und dabei habe ich auf mindestens zwei Partys verzichtet, was für einen 16jährigen bekanntermaßen das größte Opfer bedeutet.
Aber es wird noch besser: Nun, 20 Jahre später, schwänze ich Partys eher, weil ich schlicht zu müde bin, aber es lohnt sich wachzubleiben. Denn Telltale Games bringt fünf ganz neue "Tales of Monkey Island"-Episoden. Der Grafikstil wird in den Fachforen (natürlich) kontrovers diskutiert. Aber was soll man erwarten? Dass plötzlich wieder 2D-Adventures gemacht werden? Wir leben im 21. Jahrhundert, und wir sind - gerade vorhin im Spiegel geprüft - nicht mehr 16. Nein, die Episoden werden sicher nicht besser als das Original. Aber ich freue mich einfach, in die Karibik zurückzukehren.
All das hat übrigens sogar Ron Gilbert persönlich motiviert, sein damaliges Werk einer erneuten Prüfung zu unterziehen - sehr interessant!
Nun wären diese Neuigkeiten schon genug, um jeden Adventure-Fan da draußen in zitternde Ekstase zu versetzen, aber nein, es kommt noch besser. Zugegeben sind die Adventures von "House of Tales" - also "Das Geheimnis der Druiden", "Moment of Silence" und "Overclocked" - nicht mit ganz so viel karibischem Flair ausgestattet, aber sie punkten mit anderen Qualitäten, nämlich überzeugenden Charakteren und erwachsenen Themen. Das trifft offenbar auch auf den neuen Titel "15 Days" zu, der heute exklusiv bei den Kollegen von Krawall enthüllt wird.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Juni besser angefangen hätte.
Jetzt muss ich nur noch rausbekommen, mit wem ich schlafen muss, um "Tales of Monkey Island" übersetzen zu dürfen.


